Monat: Juni 2025

Gib mir mein Biest zurück

Greta Garbo äußerte im Jahr 1946 diese berühmte Zeile am Ende von Cocteau’s „Die Schöne und das Biest“. Sie sagte es, als sie den Film zum ersten mal sah und als sich wie in einem feisten Märchen am Ende das tote Biest in einen schönen Prinzen verwandelt hatte.

„Die Garbo“ galt als geheimnisvolle Schönheit, doch es ist mehr ihr enorme Präsenz auf der Leinwand als ihr Leben, die diesen Ruf rechtfertigt. Häufig wurden extreme Nahaufnahmen ihres Gesichtes gedreht. Ohne weiter zu agieren konnte sie mit einem Augenausdruck eine Person in den Hades schicken oder vor Liebe vergehen. Zugleich zeigte sie sich nicht wie viele Prominente auf dem Präsentierteller. Man wusste, dass sie zur Oscarverleihung nicht kommen würde. Und so erübrigten sich Spekulationen, welches Kleid sie anlässlich der Gala tragen würde.

Sie unternahm nach dem Ende ihre Hollywoodkarriere im Jahr 1941 lange Spaziergänge durch New York. Sie war nie verheiratet und im Nachhinein wurde anhand ihrer teils recht expliziten Briefe an Freundinnen gemutmaßt, sie sei bisexuell gewesen. Natürlich wurden ihr entweder Einsamkeit angedichtet oder Heimlichtuerei. Doch sie traf viele Freunde, die jedoch an ihrem Leben im Verborgenen mitwirkten. Als sie 1990 starb, war sie nicht vergessen, aber es war endgültig klar geworden, dass sie die Öffentlichkeit scheute.

Sie meisterte den Wechsel vom Stummfilm zum Tonfilm, an dem viele Schauspieler scheiterten, obwohl sie wegen ihrer schwedischen Wurzeln nie völlig akzentfrei sprechen konnte. Und sie ist berühmt für Kommentare, die innerhalb eines kurzen Satzes die gesamte Situation auf den Punkt bringen. Da ihre Familie in prekären finanziellen Verhältnissen steckte, hielt sie sich als Jugendliche oft am Hinterausgang eines Stockholmer Theaters auf, um die Schauspieler zu beobachten. Eines ihren frühen Zitate lautet:

„Ich konnte die Theaterschminke riechen. Kein Geruch der Welt lässt sich mit dem eines Theaterhinterhofs vergleichen. Kein anderer Geruch wird mir jemals so viel bedeuten.“

1919

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Die Freundin

Im Juni regnete es so gut wie nicht. Daher hatte ich lange das rückwärtige Fenster offen stehen. Durch das war wieder eine Orientalische Mörtelwespe in mein Zimmer geflogen gekommen und baute in meinem Bett, an einer Stelle, wo ich nicht lag. Allerdings drückte ich mich bei Schlafen ganz an den seitlichen Rand des Bettes und wagte nicht mehr, die Decke zu bewegen. Ich hatte – glaube ich – gelesen, dass veränderte Umstände sie dazu bewegen, sofort das Bauen einzustellen und sich abzuwenden.

Manchmal beobachtete ich sie. Einmal musste das Fenster morgens geschlossen bleiben. Als dann die Sonne heraus kam, öffnete ich es wieder und sie schoss sofort herein, als habe sie vor der Scheibe gewartet und herein gespäht.

Ich hatte also eine Mitbewohnerin. In gewisser Hinsicht betrachtete ich sie sogar als Freundin. Mir war an ihr und ihrer emsigen Tätigkeit gelegen. Manchmal, wenn ich im Cafè saß, wurde ich gefragt, wie es ihr ginge und was sie mache. Eine Frau konnte sich vor Lachen gar nicht beruhigen. Sie sagte, sie habe noch nie jemanden kennengelernt, der eine Wespe als Freundin hatte. Sie fand es erstaunlich, wie man einem Insekt im eigenen Bett derart viel Platz einräumen konnte.

Einmal verschob ich die Decke ein wenig. Außerdem war es kein Zustand, dass ich mich abends vorsichtig von der Seite her ins Bett schieben musste. Als die Wespe das am Folgetag sah, gab sie den angefangenen, fast fertigen Bau sofort auf und legte direkt daneben einen neuen an. Sie arbeitete emsig und vollendete ihn bis zum Einbruch der Dunkelheit beinahe vollständig. Am Folgetag blieb sie allerdings fort. Vielleicht war sie woanders hin gerufen worden oder es war Ruhetag, was ich aber keinen Augenblick glaubte. Ich machte mir stattdessen Sorgen. Am dritten Tag war sie wieder da. Sie erschien kurz, sah nach, ob alles beim Alten war und verschwand.

Im Übrigen bemerkte ich, dass sie nicht nur baute, sondern dass der Bezug eines der Kissen dunkel angespeichelt war (links oben im Bild), als habe sie dort angefangen und sich kurzfristig umentschieden. Denn die Gefäße waren fest an das benachbarte Stück Decke geheftet.

Unvermittelt baute sie ein viertes Stück, das aber auch offen blieb.

Dann allerdings kam der Tag, an dem ich die Überdecke endlich einmal neu ausbreiten musste. Ich schuf der Mörtelwespe zwar eigens einen Zugang zu ihrem Bau. Ich wusste, dass Hummeln durch lange, abwärts führende Pappröhren kriechen, um zu ihrem Nest zu gelangen. Aber sie kam herein geflogen, betrachtete sich die Bescherung, flog hinaus und kam nicht wieder.

Das Fazit war: Ein fertiges Gefäß, drei angefangene, aber nicht mit Brut belegte und nicht versiegelte.

Alle vier legte ich auf den Schrank und dachte: Das Frühjahr wird zeigen, wie weit sie mit ihrer Vermehrung gekommen ist. Allerdings war die verschlossene Zelle, wie ich im Herbst bemerkte, leer.

Ein Freund erzählte, dass sie in ihrem Haus Zwischenwände eingerissen hatten und ihnen tausende dieser Amphoren entgegen gerieselt waren.

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