2025

Block

In diesem Jahr arbeitete ich erneut an der Großen Kartei weiter. Zwar begann ich bereits Ende des Jahres 2021 damit, aber sie taucht erstmalig im Jahr 2023 unter dem Titel „Das Kleinste Element“ auf, da ich mich bis dahin angestrengt hatte, Masse anzuhäufen.

Die neue Bezeichnung, die mir in den Sinn kam, ist Block, da sie an das Plastische darin erinnert. Weiter sann ich über die Gestalt der Arbeit nach. Mir wurde bewusst, dass zwischen den einzelnen Elementen ein unsichtbares Gelenk besteht. Daher dachte ich an eine weitere Person, die Auswahlen treffen und die Zwischenräume bespielen könnte.

átomos

Categories: 2025

Avalon

Der Begriff und das Bild des Gartens fanden Eingang in die Kartei. Für mich war es im Jahr 1995 eine bedeutende Handlung gewesen, meine Bienen in einen Städtischen Kulturgarten zu stellen und von diesem expliziten Ort aus die Stadt befliegen zu lassen. Bezüglich des Themas spukte mir zunächst natürlich der Garten Eden im Kopf herum. Man kann sich leicht verführen lassen, ein so genanntes Paradies als Ausgangspunkt zu wählen. Mein näheres Interesse hingegen gilt dem Garten von Avalon, der Teil einer gewaltigen Sage ist. Das Wort „avalon“ lässt sich etymologisch von Apfel herleiten. Da entsteht das Bild eines Gartens voller Apfelbäume. Er befindet sich auf einer erdichteten Insel, die von neun Schwestern regiert wird. Eine davon ist die Halbschwester von König Artus. Er kommt dorthin, um geheilt zu werden und ist dort begraben. Die Artussage taucht als Erzählung im europäischen Mittelalter auf, zunächst im Volk, später auch bei Hofe. Ausgetragen habe sie sich um das Jahr 500 nach Christus in England. Dorthin wird sie meistens projiziert, wobei gelegentlich das nördliche Frankreich Eingang fand. Allerdings gibt es keinen geschichtlichen Beweis. Daher ist sie genau das, was sie vorgibt: eine fantastische und dramatische Erzählung, hochkomplex, aber eben eine Geschichte mit Rittern, einem mächtigen Zauberer und Feen, mit einem Schwert, das aus einem Stein gezogen werden muss, und einer runden Tafel. Die Motive sind Utopien und zirkusähnliches Spektakel, Liebe, Inzest, Betrug und Heimat. Es ist es ein Stoff für Filme oder das Theater. Sucht man beispielsweise den Film „King Arthur: Legend of the Sword“, der weit von der Sage abweicht, in der Stadtbibliothek, findet man ihn eingeordnet unter der Rubrik Fantasy.

In dem Stück „Merlin oder Das wüste Land“ wurde das Thema im Jahr 1980 von Tankred Dorst für das Theater aufgearbeitet und eine Interpretation geliefert. Tankred Dorst schreibt: „Merlin ist eine Geschichte aus unserer Welt: das Scheitern von Utopien.“

Ich war erstaunt, wie gründlich Tankred Dorst den ursprünglichen Stoff recherchiert hatte und wie klar er dennoch bei seinem Anliegen geblieben war. Doch obwohl man allem Recht geben muss, was er hineinsteckt, ist für mich ein anderer Aspekt bedeutend: Die Begegnung zwischen dem Christentum und dem Heidnischen. Für mich ist Merlin die verbindende Figur. Er geht am Schluss, nachdem er in der christlichen Welt gewerkt hat, zurück in sein Reich, den Wald, und lässt sich dort (freiwillig) von seiner Geliebten, einer Waldnymphe, unwiderruflich in einem Busch binden.

Das Buch „Vita Merlini“ schildert das gesamte Spektakel aus Merlins Sicht.

Es gibt übrigens eine Stadt mit Namen Avalon in Kalifornien – auf die und die Sage zugleich bezieht sich wiederum die Schriftstellerin Nell Zink, der in der Kartei eine Menge Raum gewidmet ist.

Der Tod von König Artus

Gemälde von James Archer

Im Hintergrund die Barke zur Überfahrt nach Avalon

Categories: 2025

Gib mir mein Biest zurück

Greta Garbo äußerte im Jahr 1946 diese berühmte Zeile am Ende von Cocteau’s „Die Schöne und das Biest“. Sie sagte es, als sie den Film zum ersten mal sah und als sich wie in einem feisten Märchen am Ende das tote Biest in einen schönen Prinzen verwandelt hatte.

„Die Garbo“ galt als geheimnisvolle Schönheit, doch es ist mehr ihr enorme Präsenz auf der Leinwand als ihr Leben, die diesen Ruf rechtfertigt. Häufig wurden extreme Nahaufnahmen ihres Gesichtes gedreht. Ohne weiter zu agieren konnte sie mit einem Augenausdruck eine Person in den Hades schicken oder vor Liebe vergehen. Zugleich zeigte sie sich nicht wie viele Prominente auf dem Präsentierteller. Man wusste, dass sie zur Oscarverleihung nicht kommen würde. Und so erübrigten sich Spekulationen, welches Kleid sie anlässlich der Gala tragen würde.

Sie unternahm nach dem Ende ihre Hollywoodkarriere im Jahr 1941 lange Spaziergänge durch New York. Sie war nie verheiratet und im Nachhinein wurde anhand ihrer teils recht expliziten Briefe an Freundinnen gemutmaßt, sie sei bisexuell gewesen. Natürlich wurden ihr entweder Einsamkeit angedichtet oder Heimlichtuerei. Doch sie traf viele Freunde, die jedoch an ihrem Leben im Verborgenen mitwirkten. Als sie 1990 starb, war sie nicht vergessen, aber es war endgültig klar geworden, dass sie die Öffentlichkeit scheute.

Sie meisterte den Wechsel vom Stummfilm zum Tonfilm, an dem viele Schauspieler scheiterten, obwohl sie wegen ihrer schwedischen Wurzeln nie völlig akzentfrei sprechen konnte. Und sie ist berühmt für Kommentare, die innerhalb eines kurzen Satzes die gesamte Situation auf den Punkt bringen. Da ihre Familie in prekären finanziellen Verhältnissen steckte, hielt sie sich als Jugendliche oft am Hinterausgang eines Stockholmer Theaters auf, um die Schauspieler zu beobachten. Eines ihren frühen Zitate lautet:

„Ich konnte die Theaterschminke riechen. Kein Geruch der Welt lässt sich mit dem eines Theaterhinterhofs vergleichen. Kein anderer Geruch wird mir jemals so viel bedeuten.“

1919

Categories: 2025

Die Freundin

Im Juni regnete es so gut wie nicht. Daher hatte ich lange das rückwärtige Fenster offen stehen. Durch das war wieder eine Orientalische Mörtelwespe in mein Zimmer geflogen gekommen und baute in meinem Bett, an einer Stelle, wo ich nicht lag. Allerdings drückte ich mich bei Schlafen ganz an den seitlichen Rand des Bettes und wagte nicht mehr, die Decke zu bewegen. Ich hatte – glaube ich – gelesen, dass veränderte Umstände sie dazu bewegen, sofort das Bauen einzustellen und sich abzuwenden.

Manchmal beobachtete ich sie. Einmal musste das Fenster morgens geschlossen bleiben. Als dann die Sonne heraus kam, öffnete ich es wieder und sie schoss sofort herein, als habe sie vor der Scheibe gewartet und herein gespäht.

Ich hatte also eine Mitbewohnerin. In gewisser Hinsicht betrachtete ich sie sogar als Freundin. Mir war an ihr und ihrer emsigen Tätigkeit gelegen. Manchmal, wenn ich im Cafè saß, wurde ich gefragt, wie es ihr ginge und was sie mache. Eine Frau konnte sich vor Lachen gar nicht beruhigen. Sie sagte, sie habe noch nie jemanden kennengelernt, der eine Wespe als Freundin hatte. Sie fand es erstaunlich, wie man einem Insekt im eigenen Bett derart viel Platz einräumen konnte.

Einmal verschob ich die Decke ein wenig. Außerdem war es kein Zustand, dass ich mich abends vorsichtig von der Seite her ins Bett schieben musste. Als die Wespe das am Folgetag sah, gab sie den angefangenen, fast fertigen Bau sofort auf und legte direkt daneben einen neuen an. Sie arbeitete emsig und vollendete ihn bis zum Einbruch der Dunkelheit beinahe vollständig. Am Folgetag blieb sie allerdings fort. Vielleicht war sie woanders hin gerufen worden oder es war Ruhetag, was ich aber keinen Augenblick glaubte. Ich machte mir stattdessen Sorgen. Am dritten Tag war sie wieder da. Sie erschien kurz, sah nach, ob alles beim Alten war und verschwand.

Im Übrigen bemerkte ich, dass sie nicht nur baute, sondern dass der Bezug eines der Kissen dunkel angespeichelt war (links oben im Bild), als habe sie dort angefangen und sich kurzfristig umentschieden. Denn die Gefäße waren fest an das benachbarte Stück Decke geheftet.

Unvermittelt baute sie ein viertes Stück, das aber auch offen blieb.

Dann allerdings kam der Tag, an dem ich die Überdecke endlich einmal neu ausbreiten musste. Ich schuf der Mörtelwespe zwar eigens einen Zugang zu ihrem Bau. Ich wusste, dass Hummeln durch lange, abwärts führende Pappröhren kriechen, um zu ihrem Nest zu gelangen. Aber sie kam herein geflogen, betrachtete sich die Bescherung, flog hinaus und kam nicht wieder.

Das Fazit war: Ein fertiges Gefäß, drei angefangene, aber nicht mit Brut belegte und nicht versiegelte.

Alle vier legte ich auf den Schrank und dachte: Das Frühjahr wird zeigen, wie weit sie mit ihrer Vermehrung gekommen ist. Allerdings war die verschlossene Zelle, wie ich im Herbst bemerkte, leer.

Ein Freund erzählte, dass sie in ihrem Haus Zwischenwände eingerissen hatten und ihnen tausende dieser Amphoren entgegen gerieselt waren.

Categories: 2025

Ausstülpungen

Meine erste Beschäftigung mit dem Thema, das ich später unter dem Begriff Ausstülpungen fasste, waren anatomische Betrachtungen des Bienenleibes. Die so genannten drei Bienenwesen, Königin, Arbeiterin und Drohne, sind sich in ihrer Beschaffenheit derart ähnlich, dass es auf mich wirkte, als seien aus einem zu Grunde liegenden Prinzip drei Varianten gebaut worden. Bei den Drohnen kam weiter hinzu, dass sie gleichen Vererbungslinien folgen wie die Arbeiterinnen und dass sie darin den Goldenen Schnitt abbilden. Die Tatsache, dass Drohnen im Frühling erzeugt und zu Beginn des Sommers abgeschafft werden, brachte mich auf den Einfall, dass man sie als jährlich regelmäßig auftretende plastische Ausformung der Arbeiterinnen sehen könnte. Eine weiter gehende Überlegung führte mich (Jahre später) zu dem Schluss, dass auch Königinnen so betrachtet werden könnten. Geht man von einem wichtigen Prinzip aus, das der Bienenkolonie zu Grunde liegt, von der zeitlich begrenzten Übernahme gerichteter Funktionen (beispielsweise als Baubiene, als Nektarsammlerin, als Wasserträgerin) erscheint das möglich. Bei Königin und Drohne käme dann zusätzlich zur unterschiedlichen Funktion eine anatomische Wandlung hinzu. In diesem Fall ließe sich schließen, dass die so genannten drei Bienenwesen tatsächlich Arbeiterinnen sind. Bedenkt man, zu welchen Leistungen Bienen in der Lage sind (siehe Informationsübermittlungen, Orientierungen im Raum etc und ein erheblicher Teil davon ist noch nicht einmal bekannt oder messbar), erscheint diese Theorie keineswegs unwahrscheinlich.

Bgelo777The bee collects nectarCC BY-SA 4.0

Categories: 2025

Susan Sontag

Das zweite große Thema verfolgte ich mit Susan Sontag, die vielen der Personen, die in der Kartei zu Wort kommen, allen voran John Cage, persönlich begegnet war und dessen Arbeit sie verehrte. Sie hatte ein kurzes Verhältnis mit Jasper Johns, sie war bekannt mit Rauschenberg und Buckminster Fuller, wahrscheinlich mit Merce Cunningham und wusste von einigen Vertretern der New Yorker Schule, unter anderem von Morton Feldman.

In die Kartei schleuste ich ihre nach Jahren geordneten oftmals kurzen Einsichten oder Bemerkungen über Kunst. Sie sind im zweiten Tagebuch von den Jahren 1964 bis 1980 gesammelt. (Das dritte ist deutsch nicht erschienen.) Neuerdings, wenn die eigene Internetadresse in einen Verteiler aufgenommen wird, spricht man kultiviert davon, dass sie eingepflegt wurde. Susan Sontag wurde pfleglich in die Kartei aufgenommen.

Ihr zweites Tagebuch trägt in der deutschen Übersetzung den Titel: „Ich schreibe, um herauszufinden, was ich denke“ Mir gefiel dieser schlagende Satz. Er kommt der Haltung von Susan Sontag nahe und findet sich im Buch. Ich erkenne darin ihre Arbeitsweise. Im Englischen lautet der Titel des Buchs, den allerdings ihr Sohn postum verwendet hat: As consciousness is harnessed to flesh. Sehr frei könnte man übersetzen, dass das Bewusstsein angeschirrt und ins Fleischliche transportiert wird. Allerdings ist Sprache ein Medium, sie dient nicht dem Bewusstsein, sondern folgt eigenen Gesetzen. Wie die Malerei, wie die Bildhauerei, wie die Musik und so weiter. Für einen Schriftsteller ist dieses Arbeitsprinzip unmöglich. (Als Bildhauer, der zeichnet, ist mir jedes Blatt kostbar.)

Hingegen ist Susan Sontag so etwas wie die ideale Betrachterin alles Künstlerischen, der „ideale Leser mit einer idealen Krankheit“, von der Joyce schrieb und ironisch Bezug nahm auf die Behauptung von Riviere, der magische Schriftsteller begebe sich in Kommunion mit dem idealen Leser. (Die ideale Krankheit ist Schlaflosigkeit.) Es gibt natürlich Belege für Sontags eigenes Schreiben. Doch hatte ich immer das Gefühl, sie wäre gern Schriftstellerin, es ist ein Traum, den sie sich im Leben gern erfüllt hätte. Und auch wenn ihre Notizen dazu präzise sind, kann ich die Versuche sowie die tatsächlich veröffentlichen poetischen Texte (beispielsweise die vier vorliegenden Romane) bestenfalls als dürftig bezeichnen. Ihre Essays hingegen sind brillant.

(Damit will ich nicht sagen: „Wären diese Bücher nur nie veröffentlicht worden.“ Die Romane gehören zweifellos ins Bild.)

Wir wissen, dass Susan Sontag jeden Abend unterwegs war. Sie ging auf Eröffnungen, besuchte Konzerte, besah sich Ausstellungen und Happenings. Was im Kunstbetrieb los war, zog nicht an ihr vorbei, und sie machte sich zu einer Figur, an der man nicht vorbei kam.

Offenbar galt ihr besonderes Interesse der Fotografie. Doch ihre Essays darüber, die 1980 erschienen und als bedeutend gelten, kommen mir teilweise überholt vor. Manchmal musste ich mich in die Siebziger und Achtziger Jahre zurückversetzen, in die gesamtgesellschaftliche Umtriebigkeit, die runderneuerten Kriegsschauplätze, die nie dagewesenen Krankheiten und die hinzu kommenden künstlerischen Ausdrucksformen, um nachvollziehen zu können, was ihr Anliegen gewesen war. Inzwischen kleben an der Rückseite jedes Smartphones bis zu fünf Objektive, die Fotos erstellen und filmen, und alles wird in Clouds gespeichert. Womöglich ist nicht einmal der Gestus (etwas zwischen sich und die Welt bringen) gleich geblieben, denn wozu sonst liefen die Leute mit Stangen, an denen die Smartphones vom Körper weg gehalten werden können, durch die sehenswerten Orte? Der Ausdruck ist: Ich stand vor dieser Kulisse. (Aber ich sage das nicht als Fotograf oder als Essayist.)

Das Abbilden ist heute derart inflationär, dass das einzelne Foto kaum noch Beachtung finden kann.

Vor diesem Hintergrund ergeben sich neue Parameter für die künstlerische Fotografie. (Das vermute ich.) Diese Entwicklung und was sie für das einzelne Bild bedeutet, konnte niemand vorhersehen und manche von Susan Sontags Sichten sind einfach von der Zeit rechts überholt worden.

Categories: 2025