2026

Geschichten

Jeder Punkt ist einzeln gestempelt.

Das Geheimnis der großen Geschichten liegt darin, dass sie kein Geheimnis haben. Die großen Geschichten sind die, die man gehört hat und wieder hören will. Die man überall betreten und bequem bewohnen kann. Sie führen einen nicht mit Nervenkitzel und einem unerwarteten Ende hinters Licht. Sie überraschen nicht mit Unvorhergesehenem. Sie sind einem so vertraut wie das Haus, in dem man lebt. Oder wie der Geruch der Haut des Geliebten. Man weiß, wie sie enden, aber man hört zu, als würde man es nicht wissen. So wie man, obwohl man weiß, dass man eines Tages sterben wird, lebt, als wüsste man es nicht. Man weiß, wer in den großen Geschichten leben, wer sterben, wer die Liebe finden und wer sie nicht finden wird. Und doch will man es immer wieder wissen.

Darin liegt ihr Geheimnis und ihr Zauber.

Arundhati Roy, Der Gott der kleinen Dinge

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Ereignis: Erzählung

Kunstraum in der Au

Sehr geehrte Damen und Herren

Hier ist eine Einleitung. Sie ist ausführlich geraten, erfasst aber nur einen winzigen Teil dessen, was sich über Bienen sagen lässt. Daher erscheint die kürzere Aussage geeigneter als die ausgedehnte.

Meine Texte drehen sich um Begleitumstände, sie nehmen Bezug auf Ereignisse, die am Rande geschehen sind beispielsweise, während die Ausstellung aufgebaut wurde, und die man nicht sieht. Das Wort „Begleitumstände“ ist mit Bedacht gewählt. Manche von Ihnen wissen, dass die Frankfurter Vorlesungen von Uwe Johnson so betitelt waren.

Es gibt in meiner Arbeit einige Blätter, die ich als Ereignisse betrachte. Das ist natürlich eine Anspielung auf Monopoly. Man weiß da nicht, was einen als nächstes Ereignis ereilt. Das erste Blatt dieser Reihe, die sich mittlerweile über zahlreiche Jahre erstreckt, zeigt eine Hummel, die sich, als ich auf einem sonnigen Parkplatz stand und am Auto lehnte, auf meinem Finger niedergelassen hatte.

Ich möchte mich insofern erklären, als ich behaupte, dass die Menschheit nicht erst seit fünf Jahren um die Bienen herum scharwenzelt oder dass eine Entdeckung, die vor tausend Jahren gemacht wurde, spektakulärer sei als eine kürzliche.

Es gibt Tiere, die näher am Mittelpunkt menschlichen Interesses stehen als andere. Das heißt nicht, dass sie die auf sie gerichtete Beachtung verdienen oder vielmehr umgekehrt, dass andere sie nicht verdienen. Warum Bienen so faszinierend sind, ihre nächsten Verwandten, die Hummeln, aber weniger, ist auch mir ein Rätsel. Denn hätten die Hummeln eine größere Lobby, würde auch der Zerstörung ihrer Lebensräume eine größere Bedeutung beigemessen.

Die Beachtung allerdings, die man Bienen seit mehreren Jahrtausenden schenkt (auf allen Kontinenten außer dem amerikanischen), ist außerordentlich. Auf dem gesamten amerikanischen Kontinent gab es keine Honigbienen. Sie konnten auch nicht einwandern oder haben Sie schon von Schneehonig gehört? Sie wurden von den Europäern mitgebracht.

Betrachtet man die Jahrtausende bis zurück zu den Höhlenmalereien, begreift man, dass beispielsweise die maßlos gefeierte Entdeckung des Schwänzeltanzes und seine spätere Infragestellung nur Nebenschauplätze sind. Um Bienen rankt sich eine gigantische Menge einzelner Beobachtungen. Deren Geschichte ist bislang weder gut noch schlecht ausgegangen, sondern gar nicht. Bienen sind weit mehr, als wir im Einzelnen sehen. Es ist beabsichtigt, dass ich hier nicht von Puzzleteilen spreche, denn das würde den Schluss nahe legen, dass man mit der Aufgabe fertig werden und ein Gesamtbild bekommen könnte.

Früher behauptete ich gelegentlich, dass jede Entdeckung, die man bei den Bienen macht, den Raum des Unentdeckten vergrößert. Wie einige von Ihnen wissen, beschäftige ich mich seit geraumer Zeit mit Bienen und stoße auf immer neue Ansätze. Ich trete hauptsächlich von der künstlerischen Seite heran, und ein wenig, soweit sie mir dient, beispielsweise mit Bildmaterial, auch von der wissenschaftlichen. Gewisse Seiten lasse ich bewusst beiseite. Dazu gehören die praktische Kunstgriffe, Tüfteleien wie sie auf Foren im Internet ausgetauscht werden, solche beispielsweise mit denen man die Bienen dazu bringt, in eine vom Menschen vorgegebene Richtung zu marschieren. In diesem Zusammenhang spreche ich öfters vom Zurücktreten und wurde gelegentlich gefragt, was ich damit meine. Die Frage ist einfach beantwortet: Ich versuche immer weniger zu tun. Denn soweit ich es begreife, brauchen Bienen nur wenige menschliche Eingriffe. Man stellt ein paar grundsätzliche Weichen, den Rest überlässt man ihnen.

Sie werden eine ungefähre Vorstellung davon haben, seit wann Menschen mit Bienen zu tun haben. Es begann wahrscheinlich damit, dass Honig als Süßspeise und als Kraftquelle wahrgenommen wurde. Anfangs wurde den Bienen der Honig geraubt, später sah man ein, dass man zu mehr Honig kommen kann, wenn man die Bienen kultiviert und weniger, aber regelmäßig Honig entnimmt. Wie lang die ersten Anfänge zurück liegen, kann ich nicht genau sagen. Vermutlich haben sich die Menschen bereits sehr früh Gedanken über Bienen gemacht – und dann wieder – und dann wieder – bis heute. Und die Spur wird sich in die Zukunft fortsetzen.

Vielen Dank fürs Zuhören

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