Bucky

in der ersten reihe

Die Sätze stammen aus dem Buch mit dem umständlichen und mir nicht ganz angenehmen Titel „Bedie­nungsanleitung für das Raumschiff Erde“ von Buckminster Fuller aus dem Jahr 1969. Er schreibt an einer Stelle, dass wir zwar das Raumschiff hätten, die Bedienungsanleitung sei aber nicht mitgeliefert worden.

Die meisten wissen ungefähr, wer Buckminster Fuller war: Architekt, Erfinder, Systemtheoretiker – ein Mensch, den man als allround-Genie bezeichnen würde. Ein self-made-man außerdem. Als Junge war er von Schiffen begeistert, dann diente er bei der Marine, wieder später wurde er von wichtigen Universitä­ten, die ihm ge­holfen hätten, eine „Laufbahn“ zu begründen, abgelehnt. Er hat sich nie von Strömungen vereinnah­men lassen, war mit John Cage und Künstlern aus der New-Yorker-Schule befreundet, hat am Black-Moun­tain-College unterrichtet und hat fürs Militär gearbeitet.

Ich kann mich nicht genau erinnern, wann ich ein Buch, das sein Gesamtwerk nachvollzieht (My Private Sky) zum ersten Mal in die Hände bekam. Das könnte vor 25 Jahren gewesen sein. Seither nehme ich es immer wieder in die Hand und blättere es durch. Man bekommt darin einen Überblick, aber ich bin mir nie völ­lig si­cher, ob mir ge­fällt, was ich sehe. Ist Fuller genial oder einfach nur nervig, da er einen unentwegt sei­nen er­hobenen Zeige­finger spüren lässt? Denn er sagt im Grunde: „Schluss mit der Nabelschau.“ Der Blick muss sich auf eine be­stimmte Art aufs Ganze richten. Was die technische Ebene betrifft, hat der Mensch sich von der Erde weg ins Universum begeben. Der Mensch besieht sich aus der Perspektive des Mondes oder der Sa­telliten. Der Mensch erkennt von dort den riesigen Strudel Plastikmüll, der auf dem Atlantik treibt wie „Die weite Sargas­sosee“. Vermutlich wurde die Bild­auflösung der Satellitenkame­ras mittlerweile so gesteigert, dass man bei je­mandem, der unten auf seine Armbanduhr schaut, die Zeit able­sen kann. Selbst eine Reise zum Mars dient bes­tenfalls zur Hälfte der Er­kundung, vielleicht gar nicht. Sie eröffnet nur wieder neue Blickwinkel. Oder wie Ful­ler es an anderer Stelle ausdrückt: „Die Sensation des Fluges zum Mond ist nicht der Mond, sondern die Erde.“

In dem hier bearbeiteten Buch stellt Fuller die eine zentrale Frage. Sie heißt: „Sind Menschen notwendig?“ Er fragt das nicht ironisch, sondern allen Ernstes. Die Frage steht in der Zeit, in der sie auf­taucht, und sie be­zieht sich auf das damals Bestehende. Ich weiß nicht, ob sie früher schon so präzise in Bezug auf die ganze Mensch­heit gestellt wurde. Es ist nicht einmal eine Sinnfrage. Denn es geht nicht um den Tod des Einzel­nen. Die Wahrnehmung dahinter ist, dass wir in die Schlusskurve einfahren. Fullers Arbeit steht in loser Verbin­dung mit Rachel Carson’s Buch „Der stumme Frühling“ aus dem Jahr 1962. Seine Ausblicke richten sich in der Zeit rückwärts und vorwärts, und er besieht, was von der Gegenwart zu halten ist. Zu­gleich lehnt er sich, anders als die meisten, ins Universum hinaus, was ihm einen Ein­druck von unserer Ge­ringfügigkeit verleiht. Er verortet den „point of no return“ etwa um die Jahrtausend­wende. Und er nimmt die Forderungen der Kli­maschützer und aller ähnlichen Fraktio­nen vorweg. Viel­leicht lässt sich pro­vokativ behaupten: Die Tatsache, dass er nie und nimmer ein „Grüner“ ge­worden wäre, verleiht ihm über­haupt erst Glaubwürdigkeit. Er fasst die Zustände als universales Ereig­nis ins Auge. Das Zwin­gende an sei­ner Argu­mentation ist deren emotions­lose Konse­quenz. Er konsta­tiert. Ganz einfach, kommentar­los.




„Unser Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann.“ Francis Picabia (1879 bis 1953)

Allerdings fällt auch Fuller auf ein Klischee herein. Es besteht aus einer These, die wir oft gehört haben: „Wenn wir uns bis zu diesem und jenem Zeitpunkt nicht von fossilen Energien unabhängig gemacht ha­ben, sterben wir aus.“ Menschen, die das behaupten, haben, was das Aussterben betrifft, zwar recht, die Behaup­tung wird schwammig beim Zeitpunkt und unhaltbar beim Rest. Ja, wir werden aus­sterben. Ja, es gibt kluge Köpfe, die davor warnen. Doch es gibt keine andere Möglichkeit. Denn die Menschen werden nie und nim­mer die Grundbedingung erfüllen: Es werden nie alle zusammen (dem­nächst neun Milliar­den) an einem Strang zie­hen. Nicht einmal ein Teil davon wird das tun.

Für mich besteht also kein Zweifel, dass der Mensch früher oder später (eher früher) verschwinden wird. Al­lerdings zweifle ich auch nicht daran, dass wir notwendig sind. Viele würden jetzt gern eine Begrün­dung hö­ren. Ich habe keine und ich bemühe mich nicht darum, eine zu finden. (Ich weiß nicht, was mit all diesen Be­gründungen geschieht? Gibt es ein Reservoir dafür, den großen Sinnsee?) Es kann ganz ein­fach sein: Wir sind eine Weile da und dann nicht mehr.

Das Denken an die Umwelt, öko, bio und so weiter, ist nur aus einer Komfortzone heraus möglich.

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