Autor: Christoph

“all answers are answers to all questions” (Cage)

Vortrag, gehalten in der sogenannten Kulturjurte, einer Art von Nomadenzelt, das auf vorübergehend brachliegenden Flächen in der Stadt errichtet wurde und als interkulturelle Plattform diente.

Der gesamte Text ist im Katalog NÄHERES zu lesen. Hier ein winziger Ausschnitt:

In einer Erzählung, die ich im Jahr 2013 für meine Tochter schrieb, setzte ich ein mit einem Freund erfundenes mathematisches Universum ein, das ich den Bienen und ihren nächsten Verwandten, den Hummeln, zuordnete. Die Bienen schwingen sich von Blüte zu Blüte und diskutieren dabei ständig.

(Die Wissenschaftler wissen durch Zuhilfenahme winziger digitaler Kameras, als befänden wir uns in einem modernen Spionagefilm, dass Bienen ein Ziel nie gerade anfliegen, sondern lange, gewundene Schleifen durch den Raum ziehen.)

Das mathematische Universum, das ich den Bienen zuwies, ist der konjunktivische Zahlenraum. Es ist kein schlampiges Universum, wie man gleich als Verdacht äußern könnte, sondern eines, in dem es heißt: möglicherweise.

„Zwei und zwei wäre gleich vier.“

„Wäre, wenn?“, fragt man.

„Eben“, lautet die Antwort, „ohne wenn.“

Categories: 2014

35° C

Die Temperaturangabe ist der Titel der Ausstellung. 35° C ist eine Annäherung, im Grunde eine obere Grenze. Denn steigt die Stocktemperatur weit darüber hinaus, wird es kritisch und die Bienen setzen einiges in Bewegung, sie fächeln Kühlung und verdunsten Wasser, das sie mit ihren Fühlern verspritzen. Zahlreiche Arbeiterinnen verlassen sogar den Bau, um sich draußen aufzuhalten. Man sieht es an heißen Sommerabenden, wenn die Vorderseiten der Kästen außen mit Bienen bevölkert sind. Man sagt, der Stock habe einen Bart. Wird den Bienen im Stock dauerhaft zu heiß, geben sie ihn endgültig auf. Im Winter schließen sich die Bienen um die Königin zusammen und beheizen sie durch Zittern der indirekten Flügelmuskulatur. (Um die Weisel sollte es mindestens 30° C haben.) So steht es im schlauen Buch und so habe ich es beigebracht bekommen.

Es war das zweite Skulpturenprojekt der Stadt Ebersberg in Zusammenarbeit mit dem Kunstverein Ebersberg. Daraus begründet sich die lange Ausstellungsdauer. Die minimalistische Skulptur konnte etwa ein Jahr lang, bis Ende März 2016, besichtigt werden. Es handelte sich um zwei leere Bienenstöcke aus Styropor, die in einer Nische in der Außenwand des Ebersberger Kunstvereins hockten, hoch oben, dem menschlichen Zugriff entzogen.

Schweb´ wie ein Schmetterling

Stich wie eine Biene

Muhamad Ali

Categories: 2015

Von der Kunst zur Bienenkultur

Vortrag, gehalten im Kunstverein Ebersberg, 2015, anlässlich der Ausstellung 35°. Hier in Auszügen. Der gesamte Vortrag ist enthalten im Katalog NÄHERES

Als ich anfing, an der Akademie zu studieren, fing ich an zu verstehen:

– Der Ausdruck von Befindlichkeit ist unwichtig.

– Die Literatur ist ein reichhaltiger Fundus, aus dem ich mich heute gelegentlich bediene. Die Sprache, mit der man sich in Bildender Kunst ausdrückt, ist völlig verschieden. Ich musste sie erst erlernen. Sie ist mir fremd gewesen. Als Leser scheitert man daran.

Die Welt muss erfunden werden, sie ist das Material.

Ingeborg Bachmann

Das Fass kam zum Überlaufen, als ich die Stirn besaß, im Akademiegarten Bienen zu halten. Unbekannte feindeten mich auf den Gängen an. Nachdem ich die ersten Stiche kassiert hatte, bekam ich damit nicht nur die Immunität gegen Bienengift, sondern gegen Ideologie.

Künstler dürfen alles

„Fair is foul, and foul is fair“, so raunen die Hexen bei Macbeth.

Ich besuchte die Klassenbesprechungen von Daniel Spoerri. Es entstand eine Reihe abenteuerlicher Arbeiten mit tschechischen Blumenpostkarten und Lichterketten. Ich versuchte, Pflanzen in die Kunst hereinzuholen. Ich setzte einen Stempel, auf dem Erotisierung stand, ging spazieren und stempelte Rosenblätter in Münchner Parks. Doch die Pflanzen genügten mir nicht. Ich wollte dahinter sehen. Im Leben mit der Kunst, das ich ab den Neunzigern führte, fehlte mir etwas, das mich bis zur äußersten Grenze – und ich verwende dieses Wort mit Vorsicht – spirituell ansprach. (Ich kann mir nichts vorstellen, das mehr in diese Kategorie passt als Bienen. Aber viele sehen das anders und es geht in dieser Hinsicht nicht ums Recht haben.) Ich hatte Flausen im Kopf.

apicultura ist nicht begrenzt. Einige Facetten habe ich aufgedeckt, die meisten kenne ich noch gar nicht. Obwohl ich keine andere Bezeichnung wüsste, ist es nur ein Name und ich habe ihn beansprucht. Er bietet die Möglichkeit, alles, was ich im Atelier beziehungsweise im Ausstellungszusammenhang veranstalte, darunter zu subsummieren. Inzwischen bin ich dahin gekommen, das Wort für unwichtig zu halten.

apicultura ist die Quelle und der Zielordner.

Categories: 2015

clover leaves

Die Arbeit umfasst sechs ganzseitig gestempelte Blätter aus Finnegans Wake. Das Papier, auf dem ich stempelte, ist in der Proportion um den Faktor 4,3 vergrößert, damit es zu meiner Schrifttype, einer Times in der Versalhöhe von zehn Millimetern passt. Die Papiermaße betragen 96 Zentimeter mal 60 Zentimeter. Ich bevorzugte eine Serifenschrift, da sie bei Büchern üblich ist. Wikipedia weiß: „Als Serife bezeichnet man die (mehr oder weniger) feine Linie, die einen Buchstabenstrich am Ende, quer zu seiner Grundrichtung, abschließt.“ Die Times New Roman wird häufig von Zeitungen verwendet. Zur Times weiß es außerdem, sie sei robust, klar und einfach lesbar sowie im Platzverbrauch ökonomisch. Daher sei sie für schmalspaltige Texte besonders geeignet.

Es entspricht der Regel, dass der Klee in der Natur drei Grundblätter hat. Er gehört zur Gattung Trifolium. Wikipedia in seinem unbeholfenen Deutsch weiß erneut: „Alle Laubblätter sind scheinbar grundständig, aufgrund der liegenden Sprossachse, angeordnet und in Blattstiel sowie Blattspreite gegliedert. Der Blattstiel ist bis zu 20 Zentimeter lang. Die Blattspreiten sind dreizählig gefingert. Die Blattfiedern sind bei einer Länge von meist 1 bis 2,5, selten bis 4 Zentimetern ein- bis zweimal so lang wie breit und breit-elliptisch bis verkehrt eiförmig mit gestutztem oder schwach ausgerandetem oberen Ende. Der Blattrand ist fein gezähnt.“

An der Unterseite sind die Laubblätter des weißen Klees, der bei uns ausdauernd und unverwüstlich auf den Wiesen wächst, glatt und seine Blüten duften nach Nektar. In Sizilien pflanzte man bis vor einigen Jahren einen lippenstiftroten Klee an, der von Steinmauern eingefasste Flächen zum Leuchten brachte. Ich vermute, es ist der sogenannte Süßklee, dessen Blütenstand purpurrot ist. Man nennt ihn dort sulla und er duftet nach Honig. Ausgewildert leuchtet er an Straßenrändern. Für die Bienen ist er eine hervorragende Trachtpflanze. Auf Feldern angebaut, wird er als Futterpflanze verarbeitet.

Der rote Klee ist bei uns heimisch, aber seltener und langstielig. Der weiße hingegen sitzt direkt am Boden. Daher wird roter Klee gerade bei häufigem Mähen ständig abgesäbelt. Seine Blüten bestehen aus längeren Röhren und sind entsprechend geeignet für Insekten mit langen Saugrüsseln.

Auf Flächen ohne Honigbienen vermehren sich Solitärbienen (Blattschneider-, Mauer- und Wollbienen) zwei- bis fünfmal besser als auf Arealen, die von Honigbienen besammelt werden.

Categories: 2015

Rückinfektion

In der Stadt, wenn nur einer die Milbenbehandlung schlampig ausführt oder gar wegen Unsinn im Kopf unterlässt, besteht die Möglichkeit, dass die Milben aus seinen Stöcken in die der ernsthaften Imker eingetragen werden. Man nennt es Reinvasion, wenn sie zuhauf eindringen, entweder durch das erwähnte Verfliegen, wenn also die fremden Bienen Honig mitbringen und sich einbetteln, oder durch Räuberei, wie sie im Spätsommer manchmal geschieht, wenn stärkere über schwächere Völker herfallen und man die Fluglöcher nicht aufs Minimale verengt hat. Und sofort hat man die Milbenseuche und Viren wieder im Stock. Nur wenn man ihnen bereits Mitte Juli zum ersten mal gründlich das Wasser abgräbt, hat man eine Möglichkeit, ihrer in der Folge Herr zu werden. Als ich anfing, Bienen zu halten, richtete Franz einen Großteil seiner Instruktionen sofort auf die Notwendigkeit, gegen die Milbe zu behandeln.

Categories: 2016

Bucky

Recherche über Buckminster Fuller 2020

Es begann mit ein paar Texten, die ich beinahe aus Langeweile, weil gerade nicht allzu viel im Atelier zu tun war, dort las. Es ging um Buckminster Fuller. Das Buch, in dem ich las, war schwer zu bekommen, es heißt „Your Private Sky“. Neuerdings werden wieder ein paar Exemplare davon auf ZVAB angeboten. Aber vor etwa zwanzig Jahren sah es damit schlecht aus. Damals telefonierte ich endlos herum und fand schließlich ein neues Exemplar in einer Schweizer Museumsbuchhandlung. (Ich schenkte es dem Vater zum Geburtstag, da ich es für etwas Besonderes hielt. Als er dann gestorben war, entdeckte ich es in seinem Regal und es war so gut wie ungelesen.) YPS ist voller Abbildungen und nach kurzer Zeit war ich von den geodätischen Kuppeln, die den meisten, wenn sie an Fuller denken, als erste einfallen, reichlich angeödet. In dem Begleitbuch „Diskurs“ geht es dann um theoretische Texte, die gelegentlich so blutarm sind, dass ich das Buch schweigend weglegte. Erst nach und nach wurde daraus eine Recherche.

Von seinen Freunden wurde Fuller offenbar liebevoll Bucky genannt. Cage gehörte dazu. Wahrscheinlich hat sogar diese Affinität mich bewogen. Es gibt ein Foto, auf dem Cage links abgebildet ist, rechts der hoch aufgeschossene Merce Cunningham und mittig halten sie den kleinen Bucky. Alle drei lachen. Cage lachte ohnehin gerne, das sieht man seinem Gesicht an. Cunningham lacht wie ein Lausbub. Und Bucky. Es kommt mir fast so vor, als wüsste er gar nicht so recht, ob lachen angebracht ist.

Nachdem ich hartnäckig geblieben war, fand ich den Einstieg zu Fuller und begann voranzukommen, indem ich einfach alles ausließ, was mir zu trocken schien (also sehr sehr viel). Es wurde eine Recherche daraus, die nun bereits bis ins neue Jahr anhält. Ich unterstreiche Texte in Büchern und tippe sie auf Karteikarten und stecke sie in einen der hölzernen Kästen, die ich vor ein paar Jahren aus anderem Anlass, aber auch für Karteikarten (DIN A6), gebaut habe.

Später integrierte ich die Arbeit in eine zweite, die „Das kleinste Element“ heißt. Die neue ist vom Aufbau her unbegrenzt.

Buckminster Fuller am Black Mountain College, 1948, (links Josef Albers)

© Beaumont & Nancy Newhall Estate

Das Konzept Einsteins ist, dass das Universum ein Szenario ist und keine einzelne simultane Struktur

Vier Ereignisse sind nötig, um ein System zu formen

Categories: 2020

Stechen/Schlafen

Gelegentlich nehme ich Lehrbücher über Bienen zur Hand. Sie sind von der Art, wie ich sie früher verschlungen habe, um mir Grundwissen und etwas darüber hinaus anzueignen. Dort finde ich Fakten, die vor einigen Jahrzehnten galten, heute aber widerlegt sind. Kenntnisse über Bienen unterliegen der Wissenschaftsgeschichte wie alles andere auch. (Das herausragendste Beispiel sind wahrscheinlich die neuen Erkenntnisse über Bienenorientierung.) Sogar Meinungen finde ich darin oder Fakten, die auf Grundlagen hindeuten, die mich dazu veranlasst hatten, mir Meinung zu bilden, die ich heute nicht mehr vertreten kann. Eine davon ist die Frage, ob die Bienen den Imker kennen. Natürlich lernte ich, dass Bienen die Angst des Menschen, der sich ihnen nähert riechen, so wie Hunde sie wittern, und daher zum Stechen verleitet werden. Legt man also die Angst ab, wird man weniger gestochen. Das ist jedoch kein willentlicher Prozess. Bei mir ließ die Angst nicht nach, sondern wurde durch Wut und einen damit verbundenen Energieschub überlagert. Am Ende des ersten Sommers sagte ich zu ihnen: „Stecht mich, soviel ihr wollt, ist mir egal.“ Im zweiten Sommer hatten sie es sich zu Herzen genommen.

Nachdem ich jahrelang Beobachtungen bezüglich des Stechverhaltens betrieben hatte, fasste ich einen Entschluss. Ich revidierte meine Aussage, dass sie mich nicht kennen. Ich denke, das tun sie sehr wohl, denn anfangs, während der allerersten Besuche, wie ich meine, werde ich mehr gestochen. Dennoch habe ich auch dann keine Angst. Das Stechen lässt ohnehin bald nach. Ich glaube, dass sie so etwas wie ein Geruchsprofil des Menschen, der sich ihnen nähert, erstellen. Da ich regelmäßig komme und ihnen nichts Böses will, stufen sie mich als nicht-bedrohlich ein.

Außerdem ist mir bekannt, dass ein Inhalt etwa zwei Wochen lang im Gedächtnis der Biene bleibt. Im Frühjahr muss daher eine Auffrischung bei den älteren Bienen stattfinden.

Früher verneinte ich entschieden. Heute bin ich nicht mehr sicher.

© Helga R. Heilmann/​Biozentrum Uni Würzburg

Im Laufe der Jahre kamen immer wieder neugierige Besucher an den Stand, jeweils mit anderen Interessen, erhielten allerdings von mir unterschiedliche, sich wandelnde Antworten. Eine der Spekulationen ging um die zentrale Frage: Können Bienen schlafen? Ich behauptete: Sie haben nicht genug Gehirn, um schlafen zu können. Das sagte ich, bis ich zuerst zwei aneinander geschmiegte, schlafende Solitärbienen (Diadasia diminuta) am Grund einer Kugelmalvenblüte sah, dann eine ganze Schlafstatt von Honigbienen innerhalb eines Stockes.

Allerdings ist das Gehirn der Biene im Verhältnis zu ihrem Körper riesig und es gibt sich nicht müßigen Träumereien hin, vermute ich, wie das menschliche. Natürlich können Bienen schlafen.

Während der ersten Wochen, während sie also in der Dunkelheit Dienste verrichten, wandelt sich der Schlaf- und Wachrhythmus entsprechend ihrer Arbeit. Jungbienen, las ich, schlafen mehr als erwachsene Bienen. Deren Verhalten nähert sich dem Rhythmus der Tages- und Nachtzyklen an, denen die meisten Menschen unterliegen. Die Pausen, die Bienen zwischen den Arbeitsgängen einlegen, sind vergleichsweise lang, insbesondere wenn man den sprichwörtlichen Fleiß nicht auf das Ganze des Bienenvolkes bezieht, sondern auf das einzelne Individuum.

In einem Text zur Quelle des Schlafes heißt es auf der Internetseite des Bienenforschungsinstitutes in Würzburg: „Zur biologischen Funktion des Schlafes bleiben auch bei Bienen viele Fragen ungelöst. In der Wissenschaft gibt es zwar unterschiedliche Erklärungen, aber keine davon ist allgemein anerkannt. Eine Hypothese geht zum Beispiel davon aus, dass sich der Organismus im Schlaf regeneriert. Eine andere betrachtet den Schlaf als Energiesparmaßnahme, und eine dritte besagt, dass das Gehirn im Schlaf wichtige von unwichtigen Informationen trennt und das Gedächtnis sinnvoll belädt.“

Categories: 2022

Die Quadratur des Kreises

Arbeit im Rahmen der Ausstellung „Wurzelspitzen“ in der Gärtnerei Deml in Seeshaupt

Die meisten wissen, dass es Jahrhunderte lang ein populäres Problem in der Geometrie war, einen Kreis mithilfe von Lineal und Zirkel in ein Quadrat zu überführen – und umgekehrt. (Erst später wurde bewiesen, dass es tatsächlich unmöglich ist, die eine Grundform in die andere zu transformieren.) Allerdings mussten sich so viele Mathematiker bis dahin mit dem Misslingen abfinden, dass die Quadratur des Kreises zum Synonym für ein unmögliches Vorhaben geworden ist.

Die eigentliche Überraschung bei der Arbeit war für mich, dass ich mich sowohl im Vorfeld als auch zwischendrin mit Michael beraten konnte und immer wieder feststellte, dass wir einen so ähnlichen plastischen Ansatz vertreten, als wäre der eine in der Lage, die Sätze des anderen zu Ende zu sprechen.

Die Arbeit wechselte mehrfach die Gestalt. Vor allem mit dem Bild für das, was mit dem ehemaligen Pflanzkasten final geschehen sollte, gelangte ich ständig zu neuen Schritten. Sie bestanden letztlich immer darin, dass ich einen weiteren Faktor wegstrich, bis ich am Ende zur einfachst möglichen Art kam, mit dem Material umzugehen.

Jeder dieser Schritte fiel mir ein, während ich auf die Schaufel gelehnt in der Grube stand und darüber nachdachte, was ich da tat und wie ich es noch weiter auf die ursprüngliche Wurzel zurückführen konnte. Schließlich entfernte ich sogar die persönliche Handschrift. Im Grunde hatte ich während der vergangenen Jahre selten so gearbeitet, sondern mir zunächst im Denken eine grundsätzliche Vorgehensweise zurechtgelegt und sie dort so lange überarbeitet, bis etwas wie ein stimmiger Rahmen stand. Dann konnte ich mich ganz auf die Ausführung konzentrieren. Die spielerische Arbeit hier könnte man, ginge es um Sprache, als „allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“ bezeichnen. So hat Kleist es um das Jahr 1805 in einem Aufsatz genannt.

Ausdrücklich danken möchte ich den beiden, die mir beim Arbeiten geholfen haben: Adrian, Michaels Sohn, der über Stunden hinweg mit unglaublicher Konzentration einen kleinen Bagger bediente und Thomas, ein Helfer, der den Aushub in Schubkarren vom Becken zum Berg hinüber karrte, was eine Wahnsinnsplackerei war.

Später wurde ich von einer Bildhauerin einer jüngeren Generation gefragt, welche der beiden Grundformen ich bevorzuge. Denn für sie sei der Berg attraktiver. Für mich kann ich nur so sprechen: Das Eine und das Andere gehören auf eine Weise zusammen, dass das Eine ohne das Andere nicht möglich wäre. Sie sind Elemente einer Skulptur, die aus zwei Teilen bestehen muss, denn nur dadurch wird der skulpturale Vorgang begreiflich.

© Michael von Brentano

Categories: 2021

Halt auf offener Strecke

Arbeit im Rahmen der Ausstellung „Wurzelspitzen“ in der Gärtnerei Deml, Seeshaupt

Das Bienenwachs bringen die Baubienen selbst hervor. Es wird von Drüsen, die beidseits an der Unterseite des Hinterleibs sitzen, ausgeschwitzt. Zur genaueren anatomischen Vorstellung: Die Drüsen sitzen an jenen Stellen, an denen die Hinterleibssegmente zusammenstoßen, und das Wachs wird in winzigen Schüppchen ausgeschieden. Daher ist Bienenwachs, anders als Honig, der aus fermentiertem Nektar besteht, ein reines Bienenprodukt. Das heilkräftige Propolis ist mit Bienenwachs angereichertes Baumharz. Die Bienen nehmen das Wachs mit den Hinterbeinen auf und reichen es mit ihren Füßen Richtung Kopf. Dort landet es schließlich bei den Kiefermuskeln, wo es zu Kügelchen modelliert wird. Bienen bauen daraus ihre Zellen. Überhaupt beziehen sie von allen Orten, an denen es gerade nicht gebraucht wird, ihr Baumaterial. Sie sind Bildhauer. Ohne Frage. Und die Zellen sind sehr viel komplizierter konstruiert, als einfach nur gerade sechseckige Gefäße. Bei einer Deutsch-Normal-Wabe, die der Form, die ich verwende, ähnlich ist, tragen 40 Gramm Wachs zwei Kilo Honig. Knetet man es eine Weile zwischen den Händen, kann man ebenfalls damit modellieren. Bienenwachs schmilzt etwa bei 60°C, wird jedoch bereits ab 30° C knetbar.

Anfangs enthält es in der Regel mehr oder weniger Schmutzpartikel, Bienenbeine oder die winzigen Häutchen, die die Brut beim Schlüpfen in der Zelle zurücklässt. Gelegentlich erscheint es grau oder grün, manchmal fast braun, dann wieder so, wie man es sich kindhaft vorstellt, nämlich sonnenblumengelb, und weiter bis hin zu weiß. Sammelt man beispielsweise das Wachs, mit dem Bienen die mit Honig gefüllten Zellen verdeckeln, so wird das sehr hell sein. Nach dem Aufschmelzen im Wasserbad sammeln sich beim Abkühlen und Aushärten zahlreiche Schmutzpartikel an der Unterseite eines Wachsblockes. Man kann sie abkratzen und das Wachs wird dadurch bei jedem Durchgang heller.

Jene beidseits mit einem Sechseckmuster geprägten Blätter aus Bienenwachs, aus denen ich als Kind Kerzen für die Großmütter rollen musste, werden den Bienen als Bauvorgabe in den Stock gehängt. Man erreicht dadurch, dass Waben entstehen, die für den Menschen leicht zu handhaben sind. Anders als behauptet, nehmen die Bienen diese Vorgabe ohne Widerwort an. Ich halte es für unsinnig, davon zu sprechen, dass man den Bienen damit etwas antut, ihnen quasi das eigene Bedürfnis überstülpt und insofern nicht „wesensgemäß“ verfährt. Denn das Besondere an den Bienen ist, dass sie sich nicht zwingen lassen. Beispielsweise wird man vergeblich versuchen, zwei Königinnen in einem Volk zu halten. Bienen haben ein System, das sich nicht beugen lässt. Anderes lehnen sie aber keineswegs ab. Und insbesondere, wenn es dem Menschen die Pflege und die Behandlung gegen Krankheiten erleichtert, spricht nichts dagegen, dass er die eigenen Vorgaben in die Organisation des Stockes mit einbringt.

Es lag mir eine Weile ungut im Magen, dass ich nicht wusste, wo ich mit dieser Plastik stehe, es im Grunde noch immer nicht weiß, aber über mein Unwissen mittlerweile wenigstens im Bilde bin. Die genaue Verortung auf einer Linie zwischen gelagertem Material und fertiger Plastik ist mir bei dieser Arbeit abhanden gekommen. Vielleicht macht sie das reizvoll. Es hängt mit zahlreichen Parametern zusammen, beispielsweise mit dem Einschmelzen und dem Umschmelzen, dem fertig Ausgeführten, das sich nicht weiter entwickeln lässt, in Verbindung mit einem mutmaßlichen Rohzustand, der von dort aus, in Verlängerung gedacht, in einen weiteren Endzustand münden soll. Mir ging auf, dass selbst ein gegossener Klotz, der eines Tages als Grundlage für Weiteres dienen kann, nichtsdestoweniger eine Plastik ist. Nach meinem Verständnis ist auch ein Barren aus Gusseisen eine Plastik. Und einmal goss ich Blei in eine Kuchenform.

Was ich im Laufe der vergangenen Jahre gesammelt habe, liegt hier zu einer Miete gestapelt. Dieser spezielle Raum, einer Vitrine gleich, mit diesem grauen Boden aus gegossenen Formsteinen, ist mir für ein Jahr zum Zweck der Präsentation überlassen worden. Und eines Tages – hoffentlich – wird sich eine neue Idee der Masse bemächtigen.

Unser Professor an der Akademie, der nie viel sagte, nannte das Umschmelzen Transsubstantiation, was ein Wort aus dem Ulysses von James Joyce ist. Und ich war mir sicher, dass er wusste, dass ich das wusste. Im neunten Kapitel des Buches, das in der irischen Nationalbibliothek spielt, wird behauptet, dass Hamlet der verstorbene Sohn Shakespeares sei. Im Übrigen sei er mit seinem Vater konsubstantiell. Was man als ernsthaftes, hochgelehrtes Geblödel bezeichnen kann. Allerdings ließ es mich nicht deshalb aufhorchen, sondern weil ich den Vorgang des Umschmelzens bis dahin als Transformation aufgefasst hatte. Unser Professor zog schalkhaft die Augenbrauen in die Höhe, als habe er etwas außerordentlich Bedeutendes ausgesprochen. Er schien das Ganze genau so aufzufassen, wie es gemeint war: als groß angelegten Witz von tiefem Ernst, als sähe er die Kunst als durchtriebenes Amüsement von erheblicher Tragweite.

Categories: 2021