Autor: Christoph

field agent

Der Pollen trägt oft statische elektrische Ladungen. Da viele Blütenpflanzen zu aktiver elektrischer Orientierung befähigt sind, kann die Pflanze die Ankunft von Pollen (auch an Insekten anhaftend) in der Blüte registrieren und die Blüten beispielsweise weiter öffnen. Das von ihr erzeugte elektrische Feld kann die Pflanze innerhalb von Sekunden ändern, um auf einfallenden Pollen oder auf Insekten zu reagieren. (Wikipedia)

Categories: 2023

Die Kunst der Fuge

Es begann mit dem Wort Maya. Zu dieser Zeit las ich die Bücher von Maya Angelou, der Grand Dame der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung, die in ihrem Leben derart viel erlebt hatte, dass es sieben Bände brauchte, um ihre Autobiografie zu fassen. Allerdings führte eine andere Spur mich auch zum urzeitlichen Volk der Maya und durch sie zu den ursprünglich auf dem amerikanischen Kontinent heimischen meliponini-Bienen. Die Mayas errichteten beispielsweise Pyramiden, wie wir wissen, und sie hatten eine Sprache und dazu eigene Schrift lange bevor jemand bei uns daran dachte. Sie beteten Götter an, die mit Christus und so weiter nichts zu haben – aus christlicher Sicht waren sie für Missionierung geradezu prädestiniert. Wir wissen, wie mit ihren Nachfahren umgegangen wurde, sie leben teilweise heute noch in Mexiko und Teilen Südamerikas. Ebenso schob man nordamerikanische indigene Ethnien in Reservate ab und setzte sie dort auf wertloses Land. Für die historischen Maya bildet Honig das Zentrum der Welt.

Die Arbeit eines Freundes lenkte meine Aufmerksamkeit auf magnetische Felder. Das Wort Maya löst verschiedene Assoziationsketten aus. Dabei fand ich zu der Einsicht, dass es auf die Kräfte ankommt, die beispielsweise zwischen Planeten wirken oder die Elektronen um Atome kreisen oder Magnetpole einander anziehen beziehungsweise abstoßen lassen, und auf die komplexen Felder, die diese Kräfte formen. Allerdings verfuhr ich erneut subjektiv. Eine innere Logik erschließt sich mir und womöglich ein paar Menschen, die meine Arbeit genauer kennen. Sie verändert sich aber und verschwindet.

Es handelt sich bislang um 12 gestempelte Blätter. Die Größe jedes einzelnen beträgt 21 cm mal 42,7 cm. Der Ton ist stark chamoisfarben. Das Verblassen von Stempeltusche wird von diesem Papier offenbar bevorzugt. Leider bin ich kein Experte. Es könnte daran liegen, dass das Papier stark mit Kreide gestrichen ist und ein größerer Teil bereits anfangs aufgesogen wird. Das gebildete Assoziationsfeld lockert sich, indem es verblasst.

Categories: 2023

waxwahr

Neuer Kunstverein Regensburg

Einladungen verschicke ich nicht nur an Menschen, von denen ich weiß, dass sie nicht kommen werden, die aber wissen sollen, dass ausgestellt wird, sondern an zahlreiche Institutionen wie Kunstvereine, Galerien und so weiter. Diesmal hatte ich einige Galerien neu in den Verteiler aufgenommen. Einen Tag nachdem er die Einladung bekommen hatte, kam von einem Galeristen eine Mail zurück. Er wies mich auf einen Künstler hin, von dem er einen Laib aus Bienenwachs besitze. Er zeigte sich überaus erstaunt, dass es die Form war, die auch ich benutzte. Ihm war scheinbar nicht klar, dass ich sie unter anderem verwende, da die Imker sie seit Jahrtausenden benutzen, um Wachs zusammen zu schmelzen. Er wies mich auf die Provenienz der Arbeit hin, die er besitze, und fragte, ob ich an einem Ankauf interessiert sei. Nach ein paar Tagen antwortete ich, dass er gerne Arbeiten von mir ankaufen könne, dass es mir jedoch lieber sei, er würde sich dafür zuerst meine Ausstellung anschauen, damit er wisse, in welchem Zusammenhang sie stünden.

Fatschenkinder

Geschmacksrichtungen:

Himbeere

Apfel

Ananas

Erdbeere

Zitrone

Orange

Die Vorbereitung zu der Ausstellung begann für mich etwa Mitte Januar. Ich tat mir schwer mit den Materialitäten des Raumes. Die Wände wirken authentisch. Sie sind bucklig, oftmals verspachtelt und gestrichen und an manchen Ecken ein wenig feucht. Die äußeren tragen das Haus. Sie stehen im Widerspruch zum Boden. Der besteht aus Laminat, das vorgibt, ein lasiertes Hartholzparkett zu sein. Renate, Künstlerin und Vorsitzende der Galerie, hatte sich eine Arbeit mit Bienenwachs gewünscht und ich kam dem nach. Nur war es mir unmöglich, Wachs auf Plastik zu zeigen. So lag ich von Mitte Januar bis Mitte Mai auf der Bank in meiner Küche und wälzte plastische Ideen. Gleich zu Beginn hatte ich Stefan Mayer, einem Freund und Bildhauer, der ein Sabbatjahr in der Schule eingelegt hatte und mit seiner Frau nach Brasilien gefahren war, mein Dilemma erklärt. Zum Boden war sein schlichter Kommentar: „weiche Raumgrenze.“ Für einen Betonboden hätte ich zahllose Einfälle gehabt, für Holz vielleicht einen oder zwei. Die Arbeit würde im Kern aus verschieden farbigen Wachsscheiben bestehen. Das war mir gleich klar. Die meisten Einfälle verband, sie vom Boden zu heben. Oder, um es deutlicher zu sagen: Ich musste sie da weg haben!

Zur Eröffnung sprach Renate Haimerl Brosch, die Vorsitzende, lange über die Möglichkeiten, die Wachs bietet und die Rollen, die es über die Jahrhunderte einnahm. Ich hatte ihr das Buch Geformtes Wachs von Charlotte Angeletti geschenkt. Es ist in jeder Hinsicht herausragend: reich bebildert und mit einem schlüssigen Text. Frau Angeletti war lange im Münchener Stadtmuseum angestellt. Im Übrigen geht es in ihrem Buch gelegentlich um die ehemalige Handelsniederlassung Regensburg. Dorthin wurde das Wachs aus Afrika, Asien, dem Nahen Osten und den umliegenden Ländern befördert. Es wurde entweder sofort verbraucht, seit frühester Zeit in Form von Kerzen, oder es wurde gebleicht, umgegossen, umverpackt und weiter transportiert.

Als die Besucher schließlich Fragen an mich richten konnten, war das meiste bereits abgehakt. Vor dem weiten Feld der plastischen Möglichkeiten war die Ausstellung vielleicht ungewöhnlich, aber fiel nicht aus dem Bild. Womöglich wollte noch jemand wissen, wie die unterschiedlichen Farben zustande kommen: durch den im Wachs befindlichen Pollen. Jemand fragte nach dem Wachsfigurenkabinett der Madame Tussaud. Die verwendete aber Industriewachs.

Zur Halbzeit der Ausstellung, an einem Samstag, bei dem die Sonne mit 35°C vom wolkenlosen Himmel brannte, fand ein Gespräch zwischen Tony Kobler und mir statt. Tony wird offiziell als Kunsthistoriker vorgestellt, seine Bandbreite geht aber weit in die Philosophie hinein und streift dabei notgedrungen zahlreiche Bereiche. Ich schlug das Gespräch vor, damit es nicht bei den Objekten und Blättern, vor denen sich viele Besucher in Unverständnis herum schoben, bleiben musste. Es kam mir vor wie ein Angebot im Supermarkt. Dabei ist das Zusatzprogramm zunehmend üblich.

Unser eigentliches Gespräch fand einen Tag vorher statt. Wir hatten uns vor der Ausstellung nicht gekannt, nur anfangs kurz telefoniert. Von Freitag vormittags bis abends um acht wogte das Gespräch hierhin und dorthin. Wir saßen an verschiedenen Orten, erst in dem Restaurant neben dem Kunstverein, dann bei Tony im schattigen Garten. Als wir unter die Bäume traten, sagte ich: Hier fehlen Bienen. Abends saßen wir in der Küche. Seine Frau kochte und sagte, sie erwäge schon lange die Bienenhaltung. Wir aßen und es ging allgemein darum, wie viel Zeit dafür zu investieren sei. Das Gespräch bewegte sich selten weiter als einen Finger breit vom Thema weg.

Tony sprach in Begriffen. Und mir sind sie fremd. Ich hatte das Gefühl, dass hier ein Glatteis lauerte. Er wollte meine Ästhetik kennen lernen. Ich antwortete: Das sind für mich Wolken (Cirrus), ausgefranste Schleier, die weit oben am Himmel treiben. Dann war ihm daran gelegen, die Idee hinter der Arbeit kennen zu lernen. Dazu sagte ich schlapp, dass ich bei dem Wort Idee an Goethe denken müsse – und das ist nicht angenehm.

Eines ist mir vor allem in Erinnerung. Er sprach davon, dass wir am Folgetag, in den Räumen der Galerie, eine gute Show abliefern müssten. Zunächst war ich befremdet, aber schließlich kam ich zu dem Schluss: Womöglich ist es genau das.

Der Geist des Tales stirbt nie

Der Satz, der auf einen Streifen Papier gestempelt in der Türfüllung hing, fasst die Ausstellung ein. Er stammt aus dem ersten Buch des Tao. Darin habe ich nie viel gelesen, aber es begleitet mich stetig seit dem Beginn der 80er Jahre. Der sechste Vers beginnt mit diesem Satz. Ein besonderes Problem ist die Übersetzung. Die von Lin Yu Tang, selbst Dichter, erreichte die USA kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Von dort wurden verschiedene Übersetzungen ins Deutsche transportiert. Manche davon sind ungelenk. Diese hier fließt wenigstens vom Rhythmus her ungehindert dahin.

Nördliche Breite, Östliche Länge und Plastischer Eingriff

The James ossuary was on display at the Royal Ontario Museum from November 15, 2002 to January 5, 2003


Ein Foto, das ich ursprünglich für die Sargskulptur verwenden wollte, hatte ich von den Getty-Images heruntergeladen. Eines Tages schrieb ich an diese Leute, um die richtige Auszeichnung des Copyrights genannt zu bekommen. Man wies mich jedoch darauf hin, dass die Verwendung des Fotos, zumal, wie ich es tat, völlig unmöglich sei. Folglich verwarf ich die gesamte Skulptur, löschte die Bilder und suchte mir ein neues Foto. Dabei entdeckte ich eine blockförmige, steinerne Kiste, in der die Gebeine des Bruders eines gewissen Jesus gelegen haben sollen. Das wurde nicht nur als archäologische Sensation gehandelt, sondern auch als theologische. Man musste plötzlich mit einem leiblichen Bruder rechnen.

Der Sarg hat eine eigene Geschichte. Es gab einen gerissenen Verkäufer und einen blinden Käufer. Doch der Käufer fand seine Sinne wieder und ließ die Echtheit der Kiste prüfen. Dabei kam heraus, dass es sich um eine Fälschung handelte. Bei der folgenden Untersuchung wurde wieder die Echtheit bestätigt und so kam nie ein endgültiges Ergebnis zustande. Dasselbe passierte den Figuren. Einmal hieß es, dass Jesus‘ Bruder darin gelegen hatte, ein anderes Mal nicht. In der Folge bezeichnete man den Verkäufer als Kunstfälscher und ein langwieriger Gerichtsprozess rollte an, Schließlich wurde salomonisch entschieden. Der Käufer hatte recht und der Verkäufer war dennoch kein Fälscher. Denn zur damaligen Zeit, ungefähr im Jahre null, hatten mehrere Josephs mit Söhnen namens Jesus und Jakob in Nazareth gewohnt und mutmaßlich war es der Sarg eines von denen. Da dem Nutzer des Bildes diesmal alle Rechte übertragen waren, konnte ich auch das Seelenloch einfügen, dort hinaus konnte in Ruhe die eine oder andere Seele entweichen und sich zum Himmel aufschwingen, im Fegefeuer brutzeln oder gar in die Hölle hinab gestoßen werden. Wer weiß?

Die Arbeit trägt den Titel Flugloch. Denn natürlich ist die altbackene Kiste gedacht als künftiger Bienenstock.

Categories: 2024

Ereignis: Bienenstich

Teilnahme an der Ausstellung: Das Große Wehklagen












Man habe mit Lachtränen zu kämpfen, schrieb die Zeitung über die Blätter von Josef Köstlbacher und mir.

Die Ausstellung im Kunstverein Regensburg, die über das Sommerloch hinweg reichte, hieß: Das Große Wehklagen. Wie Renate, die Vorsitzende, auf dieses Thema gekommen war, blieb mir verborgen. Die Ausstellung untergrabe den Ernst der Kunst, stand in der Zeitung. Ich hatte nur das Gefühl einer tiefgreifenden Stimmigkeit. Künstler vor Ort und solche, die dort ausgestellt hatten und die etwas Geeignetes im Atelier liegen hatten, konnten es abgeben. Oder sie wollten vielleicht etwas, das auf Halde lag, endlich produzieren.

Man möchte sagen, dass der Titel besonders für das in sich geschlossene, um sich selbst kreisende Regensburg – so habe ich es zumindest erlebt – geeignet ist. In meiner Vorstellung trudelt es hinaus ins All. Was ließe sich da Besseres tun, als den eigenen Bauchnabel aufmerksam zu inspizieren und zu lamentieren, dass das Brot soviel kostet wie das Bier.

Zum Abschluss meiner eigenen Ausstellung war ich mit einem Freund hingefahren. Sein Anliegen an die Stadt war zunächst, eine ihrer Bratwürste zu essen, was mir im Leben nicht eingefallen wäre. Wir fanden eine traditionelle Wirtschaft, bei der man draußen sitzen und auf die Donau schauen konnte. Später schlenderten wir quer durch die Altstadt zur Galerie. Es war ein heißer Tag und ich bemerkte, dass in jedem zweiten Haus ein Café untergebracht war. Und fast alle Plätze waren belegt. Ich hatte naiverweise gedacht, München sei die Hauptstadt des Müßiggangs. Zu diesem Zeitpunkt fühlte ich mich vollständig in den Untiefen des Tourismus angekommen.

Entenhausen ist ein Weltdorf. Es kann New York sein oder Ampermoching. In jedem Fall umschließt es einen Kosmos. Darin kommen ein paar Gestalten vor, die uns bekannt sind: Dagobert, der in Dukaten badet; Donald, der von einem Fettnäpfchen ins nächste tappt; die drei findigen Neffen; Gustav Gans, der immer Glück hat; Gundel Gaukelei … und so weiter.

Was wäre das also für eine Gesamtwelt, in der nicht auch Bienen thematisiert werden beziehungsweise Raum finden? Sie sind reduziert auf zwei Grundeigenschaften, (vielleicht drei). Sie stechen und sie machen Honig. (Und sie summen.)

In der einen Geschichte, die von dem legendären Carl Barks gezeichnet wurde, bekommt Donald als erstes den Bienenstich zu spüren, später wird er durch Honig entschädigt, in der zweiten bekommt Donald einen Bienenkasten von einem Mann in die Hand gedrückt, dessen Gesicht voller Beulen ist (Bienenstiche natürlich, und der Mann hat es satt) und Donald ergreift die Gelegenheit, den Neffen damit ein Schnippchen zu schlagen.

Tja

Categories: 2024

Block

In diesem Jahr arbeitete ich erneut an der Großen Kartei weiter. Zwar begann ich bereits Ende des Jahres 2021 damit, aber sie taucht erstmalig im Jahr 2023 unter dem Titel „Das Kleinste Element“ auf, da ich mich bis dahin angestrengt hatte, Masse anzuhäufen.

Die neue Bezeichnung, die mir in den Sinn kam, ist Block, da sie an das Plastische darin erinnert. Weiter sann ich über die Gestalt der Arbeit nach. Mir wurde bewusst, dass zwischen den einzelnen Elementen ein unsichtbares Gelenk besteht. Daher dachte ich an eine weitere Person, die Auswahlen treffen und die Zwischenräume bespielen könnte.

átomos

Categories: 2025

Avalon

Der Begriff und das Bild des Gartens gingen mir lange im Kopf herum und fanden Eingang. Für mich war es im Jahr 1995 eine bedeutende Handlung gewesen, meine Bienen in einen städtischen Kulturgarten zu stellen und von diesem expliziten Ort aus die Stadt befliegen zu lassen. Bezüglich des Themas spukte mir natürlich der Garten Eden im Kopf herum. Man kann sich leicht verführen lassen, ein so genanntes Paradies als Ausgangspunkt zu verwenden. Mein Interesse hingegen gilt dem Garten von Avalon, der Teil einer gewaltigen Sage ist. Das Wort „avalon“ lässt sich etymologisch von Apfel herleiten. Da entsteht das Bild eines Gartens voller Apfelbäume. Er befindet sich auf einer erdichteten Insel, die von neun Schwestern regiert wird. Eine davon ist die Halbschwester von König Artus. Er kommt dorthin, um geheilt zu werden und ist dort begraben. Die Artussage taucht als Erzählung im europäischen Mittelalter auf, zunächst im Volk, später auch bei Hofe. Ausgetragen habe sie sich um das Jahr 500 nach Christus in England. Dorthin wird sie meistens projiziert, wobei gelegentlich das nördliche Frankreich Eingang fanden. Allerdings gibt es keinen geschichtlichen Beweis. Daher ist sie genau das, was sie vorgibt: eine fantastische und dramatische Erzählung, hochkomplex, aber eben eine Geschichte mit Rittern, einem mächtigen Zauberer und Feen, mit einem Schwert, das aus einem Stein gezogen werden muss, und einer runden Tafel. Die Motive sind Utopien und zirkusähnliches Spektakel, Liebe, Betrug und Heimat. Es ist es ein Stoff für Filme oder das Theater. Sucht man beispielsweise den Film „King Arthur: Legend of the Sword“, der weit von der Sage abweicht, in der Stadtbibliothek, findet man ihn eingeordnet unter der Rubrik Fantasy.

In dem Stück „Merlin oder Das wüste Land“ wurde das Thema im Jahr 1980 von Tankred Dorst für das Theater aufgearbeitet und eine Interpretation geliefert. Tankred Dorst schreibt: „Merlin ist eine Geschichte aus unserer Welt: das Scheitern von Utopien.“

Ich war erstaunt, wie gründlich Tankred Dorst den ursprünglichen Stoff recherchiert hatte und wie klar er dennoch bei seinem Anliegen geblieben war. Doch obwohl man allem Recht geben muss, was er hineinsteckt, ist für mich ein anderer Aspekt bedeutend: Die Begegnung zwischen dem Christentum und dem Heidnischen. Für mich ist Merlin die verbindende Figur. Er geht am Schluss, nachdem er in der christlichen Welt gewerkt hat, zurück in sein Reich, den Wald, und lässt sich dort (freiwillig) von seiner Geliebten, einer Waldnymphe, unwiderruflich in einem Busch binden.

Das Buch „Vita Merlini“ schildert das gesamte Spektakel aus Merlins Sicht.

Es gibt übrigens eine Stadt mit Namen Avalon in Kalifornien – auf die und die Sage zugleich bezieht sich wiederum die Schriftstellerin Nell Zink, der in der Kartei eine Menge Raum gewidmet ist.

Der Tod von König Artus

Gemälde von James Archer

Im Hintergrund die Barke zur Überfahrt nach Avalon

Categories: 2025

Gib mir mein Biest zurück

Greta Garbo äußerte im Jahr 1946 diese berühmte Zeile am Ende von Cocteau’s „Die Schöne und das Biest“. Sie sagte es, als sie den Film zum ersten mal sah und als sich wie in einem feisten Märchen am Ende das tote Biest in einen schönen Prinzen verwandelt hatte.

„Die Garbo“ galt als geheimnisvolle Schönheit, doch es ist mehr ihr enorme Präsenz auf der Leinwand als ihr Leben, die diesen Ruf rechtfertigt. Häufig wurden extreme Nahaufnahmen ihres Gesichtes gedreht. Ohne weiter zu agieren konnte sie mit einem Augenausdruck eine Person in den Hades schicken oder vor Liebe vergehen. Zugleich zeigte sie sich nicht wie viele Prominente auf dem Präsentierteller. Man wusste, dass sie zur Oscarverleihung nicht kommen würde. Und so erübrigten sich Spekulationen, welches Kleid sie anlässlich der Gala tragen würde.

Sie unternahm nach dem Ende ihre Hollywoodkarriere im Jahr 1941 lange Spaziergänge durch New York. Sie war nie verheiratet und im Nachhinein wurde anhand ihrer teils recht expliziten Briefe an Freundinnen gemutmaßt, sie sei bisexuell gewesen. Natürlich wurden ihr entweder Einsamkeit angedichtet oder Heimlichtuerei. Doch sie traf viele Freunde, die jedoch an ihrem Leben im Verborgenen mitwirkten. Als sie 1990 starb, war sie nicht vergessen, aber es war endgültig klar geworden, dass sie die Öffentlichkeit scheute.

Sie meisterte den Wechsel vom Stummfilm zum Tonfilm, an dem viele Schauspieler scheiterten, obwohl sie wegen ihrer schwedischen Wurzeln nie völlig akzentfrei sprechen konnte. Und sie ist berühmt für Kommentare, die innerhalb eines kurzen Satzes die gesamte Situation auf den Punkt bringen. Da ihre Familie in prekären finanziellen Verhältnissen steckte, hielt sie sich als Jugendliche oft am Hinterausgang eines Stockholmer Theaters auf, um die Schauspieler zu beobachten. Eines ihren frühen Zitate lautet:

„Ich konnte die Theaterschminke riechen. Kein Geruch der Welt lässt sich mit dem eines Theaterhinterhofs vergleichen. Kein anderer Geruch wird mir jemals so viel bedeuten.“

1919

Categories: 2025

Die Freundin

Im Juni regnete es so gut wie nicht. Daher hatte ich lange das rückwärtige Fenster offen stehen. Durch das war wieder eine Orientalische Mörtelwespe in mein Zimmer geflogen gekommen und baute in meinem Bett, an einer Stelle, wo ich nicht lag. Allerdings drückte ich mich bei Schlafen ganz an den seitlichen Rand des Bettes und wagte nicht mehr, die Decke zu bewegen. Ich hatte – glaube ich – gelesen, dass veränderte Umstände sie dazu bewegen, sofort das Bauen einzustellen und sich abzuwenden.

Manchmal beobachtete ich sie. Einmal musste das Fenster morgens geschlossen bleiben. Als dann die Sonne heraus kam, öffnete ich es wieder und sie schoss sofort herein, als habe sie vor der Scheibe gewartet und herein gespäht.

Ich hatte also eine Mitbewohnerin. In gewisser Hinsicht betrachtete ich sie sogar als Freundin. Mir war an ihr und ihrer emsigen Tätigkeit gelegen. Manchmal, wenn ich im Cafè saß, wurde ich gefragt, wie es ihr ginge und was sie mache. Eine Frau konnte sich vor Lachen gar nicht beruhigen. Sie sagte, sie habe noch nie jemanden kennengelernt, der eine Wespe als Freundin hatte. Sie fand es erstaunlich, wie man einem Insekt im eigenen Bett derart viel Platz einräumen konnte.

Einmal verschob ich die Decke ein wenig. Außerdem war es kein Zustand, dass ich mich abends vorsichtig von der Seite her ins Bett schieben musste. Als die Wespe das am Folgetag sah, gab sie den angefangenen, fast fertigen Bau sofort auf und legte direkt daneben einen neuen an. Sie arbeitete emsig und vollendete ihn bis zum Einbruch der Dunkelheit beinahe vollständig. Am Folgetag blieb sie allerdings fort. Vielleicht war sie woanders hin gerufen worden oder es war Ruhetag, was ich aber keinen Augenblick glaubte. Ich machte mir stattdessen Sorgen. Am dritten Tag war sie wieder da. Sie erschien kurz, sah nach, ob alles beim Alten war und verschwand.

Im Übrigen bemerkte ich, dass sie nicht nur baute, sondern dass der Bezug eines der Kissen dunkel angespeichelt war (links oben im Bild), als habe sie dort angefangen und sich kurzfristig umentschieden. Denn die Gefäße waren fest an das benachbarte Stück Decke geheftet.

Unvermittelt baute sie ein viertes Stück, das aber auch offen blieb.

Dann allerdings kam der Tag, an dem ich die Überdecke endlich einmal neu ausbreiten musste. Ich schuf der Mörtelwespe zwar eigens einen Zugang zu ihrem Bau. Ich wusste, dass Hummeln durch lange, abwärts führende Pappröhren kriechen, um zu ihrem Nest zu gelangen. Aber sie kam herein geflogen, betrachtete sich die Bescherung, flog hinaus und kam nicht wieder.

Das Fazit war: Ein fertiges Gefäß, drei angefangene, aber nicht mit Brut belegte und nicht versiegelte.

Alle vier legte ich auf den Schrank und dachte: Das Frühjahr wird zeigen, wie weit sie mit ihrer Vermehrung gekommen ist. Allerdings war die verschlossene Zelle, wie ich im Herbst bemerkte, leer.

Ein Freund erzählte, dass sie in ihrem Haus Zwischenwände eingerissen hatten und ihnen tausende dieser Amphoren entgegen gerieselt waren.

Categories: 2025

Susan Sontag

Das zweite große Thema verfolgte ich mit Susan Sontag, die vielen der Personen, die in der Kartei zu Wort kommen, allen voran John Cage, persönlich begegnet war und dessen Arbeit sie verehrte. Sie hatte ein kurzes Verhältnis mit Jasper Johns, sie war bekannt mit Rauschenberg und Buckminster Fuller, wahrscheinlich mit Merce Cunningham und wusste von einigen Vertretern der New Yorker Schule, unter anderem von Morton Feldman.

In die Kartei schleuste ich ihre nach Jahren geordneten oftmals kurzen Einsichten oder Bemerkungen über Kunst. Sie sind im zweiten Tagebuch von den Jahren 1964 bis 1980 gesammelt. (Das dritte ist deutsch nicht erschienen.) Neuerdings, wenn die eigene Internetadresse in einen Verteiler aufgenommen wird, spricht man kultiviert davon, dass sie eingepflegt wurde. Susan Sontag wurde pfleglich in die Kartei aufgenommen.

Ihr zweites Tagebuch trägt in der deutschen Übersetzung den Titel: „Ich schreibe, um herauszufinden, was ich denke“ Mir gefiel dieser schlagende Satz. Er kommt der Haltung von Susan Sontag nahe und findet sich im Buch. Ich erkenne darin ihre Arbeitsweise. Im Englischen lautet der Titel des Buchs, den allerdings ihr Sohn postum verwendet hat: As consciousness is harnessed to flesh. Sehr frei könnte man übersetzen, dass das Bewusstsein angeschirrt und ins Fleischliche transportiert wird. Allerdings ist Sprache ein Medium, sie dient nicht dem Bewusstsein, sondern folgt eigenen Gesetzen. Wie die Malerei, wie die Bildhauerei, wie die Musik und so weiter. Für einen Schriftsteller ist dieses Arbeitsprinzip unmöglich. (Als Bildhauer, der zeichnet, ist mir jedes Blatt kostbar.)

Hingegen ist Susan Sontag so etwas wie die ideale Betrachterin alles Künstlerischen, der „ideale Leser mit einer idealen Krankheit“, von der Joyce schrieb und ironisch Bezug nahm auf die Behauptung von Riviere, der magische Schriftsteller begebe sich in Kommunion mit dem idealen Leser. Es gibt natürlich Belege für Sontags eigenes Schreiben. Doch hatte ich immer das Gefühl, sie wäre gern Schriftstellerin, es ist ein Traum, den sie sich im Leben gern erfüllt hätte. Und auch wenn ihre Notizen dazu präzise sind, kann ich die Versuche sowie die tatsächlich veröffentlichen poetischen Texte (beispielsweise die vier vorliegenden Romane) bestenfalls als dürftig bezeichnen. Ihre Essays hingegen sind brillant.

(Damit will ich nicht sagen: „Wären diese Bücher nur nie veröffentlicht worden.“ Mir geht es um die Ikone Susan Sontag. Und die Romane gehören zweifellos ins Bild.)

(Das erste Tagebuch war künstlerisch nicht derart ergiebig, da es mehr ihrer Selbstfindung diente.)

Wir wissen, dass Susan Sontag jeden Abend unterwegs war. Sie ging auf Eröffnungen, besuchte Konzerte, besah sich Ausstellungen und Happenings. Was im Kunstbetrieb los war, zog nicht an ihr vorbei, und sie machte sich zu einer Figur, an der man nicht vorbei kam.

Offenbar galt ihr besonderes Interesse der Fotografie. Doch ihre Essays darüber, die 1980 erschienen und als bedeutend gelten, kommen mir teilweise überholt vor. Manchmal musste ich mich in die Siebziger und Achtziger Jahre zurückversetzen, in die gesamtgesellschaftliche Umtriebigkeit, die runderneuerten Kriegsschauplätze, die nie dagewesenen Krankheiten und die hinzu kommenden künstlerischen Ausdrucksformen, um nachvollziehen zu können, was ihr Anliegen gewesen war. Inzwischen kleben an der Rückseite jedes Smartphones bis zu fünf Objektive, die Fotos erstellen und filmen, und alles wird in Clouds gespeichert. Womöglich ist nicht einmal der Gestus (etwas zwischen sich und die Welt bringen) gleich geblieben, denn wozu sonst liefen die Leute mit Stangen, an denen die Smartphones vom Körper weg gehalten werden können, durch die sehenswerten Orte? Der Ausdruck ist: Ich stand vor dieser Kulisse. (Aber ich sage das nicht als Fotograf oder als Essayist.)

Das Abbilden ist heute derart inflationär, dass das einzelne Foto kaum noch Beachtung finden kann.

Vor diesem Hintergrund ergeben sich neue Parameter für die künstlerische Fotografie. (Das vermute ich.) Diese Entwicklung und was sie für das einzelne Bild bedeutet, konnte niemand vorhersehen und manche von Susan Sontags Sichten sind einfach von der Zeit rechts überholt worden.

Categories: 2025

Der erste Sommer

aus den Honiggeschichten

Es war ein Mittwoch, an dem Franz mir verkündete: „Am Samstag bekommst du Bienen.“ Ich war keineswegs sicher, ob ich das überhaupt wollte oder schon wollte. Aber er hatte beschlossen, dass es jetzt soweit war. Vielleicht ging ihm auch meine (…) abstrakte Fragerei auf die Nerven. Jedenfalls schlief ich drei Nächte nicht vor Aufregung. Ich war überzeugt, der Sache nicht gewachsen zu sein.

Im Akademiegarten hatte vor geraumer Zeit jemand ebenfalls Bienen gehalten. Es stand dort, (…) versteckt zwischen Büschen nahe der Kunststoffwerkstatt, ein kleiner aufklappbarer Bienenstand. Unsere Klasse war in der Baracke neben dem Hauptgebäude untergebracht, ein u-förmiger, aus Nachkriegsschutt errichteter Bau, der einen verwilderten und von Kunst-Schutt übersäten Garten umschloss. Dorthin stellten mir die Hausmeister auf Veranlassung von Franz den Bienenstand, direkt vor mein Atelier. Er war zwei Meter lang und drei Völker passten gut hinein, zur Not vier. Drei Jahre später, nachdem ich mit den Bienen die Akademie verlassen hatte, wohnte ein Stadtstreicher darin.

Giftblase

Am Abend des 23. Mai kam Franz in die Akademie und wir fuhren zu seinem Bienenhaus (…). Wir luden drei Stöcke in mein Auto und brachten sie in ihr neues Zuhause. Bienentransport ist immer aufregend, ganz gleich, wie lange man Bienen hat. Später, nachdem die Fluglöcher wieder geöffnet waren, standen wir im Dunkeln eine Weile zusammen, unterhielten uns und tranken Bier.

Wahrscheinlich redete ich von nichts anderem in diesem ersten Sommer, erklärte allen, wie aufregend und kompliziert es sei, Bienen zu halten und wie großartig ich mich fühlte, weil ich es endlich geschafft hatte, damit anzufangen. Dabei fürchtete ich mich hauptsächlich vor ihnen, ich fühlte mich wie ein Leichtgewicht, das gegen ein Schwergewicht in den Ring muss, und besonders hatte ich Angst vor den Stichen.

Franz hatte mir seinen alten Schleier gegeben und ich benutzte dicke Arbeitshandschuhe wie ein Maurer. Aber so gut ich mich auch schützte, es gelang den Bienen immer, eine Öffnung zu finden. Ich steckte die Hose in die Schuhe, das Hemd in die Hose, die Gummibänder des Schleiers spannte ich um meine Oberarme und die Eingänge der Handschuhe umwickelte ich mit Tesakrepp. Schon um mich bienenfertig anzuziehen, brauchte ich mindestens eine Viertelstunde. Dann stand ich vor dem offenen Stock und wusste nicht, was zu tun war. Zog mal diese Wabe heraus, mal jene, unentschlossen, ohne etwas zu kapieren. Bis die Bienen wütend wurden. Nach dem Stechen fühlte ich mich meistens wie bekifft. Im Speicher über meinem Atelier hatte ich ein paar alte Matratzen gefunden, dort legte ich mich hin, bis der Rausch vorbei war. Außerdem lief ich tagelang herum, als hätte ich schlimme Schlägereien gehabt, geschwollene Lippen, geschwollene Augen, die Hände doppelt so dick.

Dann kam der Tag, als mindestens zehn Bienen es schafften, alle Schutzmaßnahmen zu unterlaufen. Sie krabbelten in meine Handschuhe und stachen mich gemeinsam in die Handgelenke. Da beschloss ich, den Schutz aufzugeben. Ich zog die Handschuhe aus, durch die ich sowieso kein Gefühl hatte und ständig Bienen unabsichtlich zerquetschte, und nahm den Schleier ab, durch dessen dunkles Drahtvisier sich wenig erkennen ließ. Natürlich wurde ich zunächst mehr gestochen, aber es fing an, mir egal zu werden. Außerdem begann ich bereits, mit meinen Bienen zu sprechen. Viele Imker tun das, stellte ich später fest. Wahrscheinlich sagte ich ihnen zu diesem Zeitpunkt: Stecht mich, so viel ihr wollt, ist mir wurscht, ich mach trotzdem weiter.

Einige Zeit darauf versuchte ich sogar, ein Abkommen mit ihnen zu treffen: Sie dürfen mich stechen, wenn ich etwas falsch mache, aber nicht ins Gesicht. Sie halten sich jedoch nicht immer daran. Bienen riechen die Angst des Menschen und wenn sie nachlässt, sind sie weniger angriffslustig. Außerdem bildet sich beim Menschen nach häufigem Stechen eine Resistenz gegen das Gift. Und je planvoller und zügiger die Eingriffe erfolgen, desto weniger regen die Bienen sich auf. Davon aber war ich im ersten Jahr noch weit entfernt.

Categories: 1992